Lieben heißt loslassen
Wir haben versagt.

Ich habe mir lange Zeit gelassen um diesen Artikel zu schreiben und in die Öffentlichkeit zu stellen,
es fällt mir nicht leicht.
Es ist ein Verrat.
Ein Verrat an meinen Idealen.
Ein Verrat an meiner Ethik.
Und – das Schlimmste von allen – ein Verrat an zwei Lebewesen die wir in unsere Familie aufgenommen haben.
Wir haben unsere beiden Katzen Coco & Bijou aus der Familie genommen.
Die hässlichen Seiten.
Ein Zuhause

Wir wollten ihnen ein nahezu perfektes Zuhause bieten,
soviel Wärme, Nähe und Geborgenheit wie sie möchten,
Stabilität und Sicherheit, Geduld und Liebe.
Aber natürlich auch materielle Annehmlichkeiten – Wohnungsumbauten um den Lebensraum so katzengerecht wie möglich zu gestalten, Rückzugsmöglichkeiten, Spielbereiche.
Hochqualitatives Futter und gute tierärztliche Betreuung sind selbstverständlich.

Die Eingewöhnungsphase war schwierig, das war uns klar,
wir haben jeden noch so kleinen Fortschritt gefeiert und uns über jede Annäherung gefreut.
Speziell Bijou brauchte lange um auch nur ein klein wenig Vertrauen zu fassen,
um so größer war die Freude als ich sie das erste Mal im Arm halten durfte.
Ich liebe diesen kleinen Kobold, meine sensible Prinzessin, mein Mädchen.
Peter hingegen hat sein Herz an Coco verloren. Mit ihrer Souveränität und ihren unergründlich tiefen Smaragdaugen hatte sie ihn im Sturm erobert.
Veränderungen
Nach Maurice’s zweiter Operation geriet das fragile Gleichgewicht völlig aus den Fugen.
Während die beiden Mädels vorher noch friedlich aneinandergekuschelt im Katzenbaum schliefen, so gingen sie neuerdings immer öfter eigene Wege.

Bijou
verbrachte zunehmends mehr Zeit im “Adlerhorst”, dem Ruhekörbchen auf 2,30 Metern Höhe.
Zu Beginn zog sie sich nur nächtens in luftige Höhen zurück,
doch bald war sie auch unter Tags kaum mehr zu sehen.
Coco
hatte sich den Platz unter einem massiven Lederhocker im Wohnzimmer auserkoren, geschützt durch eine mächtige drübergeworfene Decke.
Von diesem Platz aus konnte sie zwar alles beobachten, mochte aber am Familienleben nicht mehr aktiv teilhaben.
Maurice
der häufig ausgelassen mit Bijou spielte wurde immer stärker ausgegrenzt.
Jeglicher Versuch einer Kontaktaufnahme seinerseits wurde mit Fauchen, Grummeln und Knurren quittiert.
Das Verhalten gegenüber uns
Alle mühsam erzielten Fortschritte schienen dahinzuschwinden,
die Abende verbrachten wir mit einem langsam vereinsamenden Maurice,
die beiden Russinnen waren aus unserem Leben verschwunden.
Als speziell Coco begann eine neue Aggressivität auch uns gegenüber zu zeigen, kamen die ersten Bedenken ob wir das schaffen würden. Schmerzen oder eine Erkrankung als Ursache konnten wir mithilfe unserer Tierärztin nicht feststellen, und trotzdem veränderte sich das Verhalten Cocos uns gegenüber immer weiter zum Schlechten.
Die dominante Katze
Im Gegensatz zu den Hauskatzen die uns bisher durchs Leben begleitet hatten, sind Russisch Blau eine dominante Rasse.
Konnte die Antwort so einfach sein?
Coco sieht einfach ihre Chance und übernimmt den Haushalt?
Wir holten uns Hilfe, liessen uns beraten, wälzten Fachliteratur.
Nein, Coco zeigt nicht ihre dominante Seite, die beiden Russinnen haben aufgegeben, sind in die innere Emigration gegangen.
Sie möchten hier nicht leben,
sie sind hier nicht zuhause.
The call is coming from inside the house
Maurice ist krank.
Noch immer.
Schon wieder.
Wir sind wieder einmal in der Tierklinik als die Tierärztin uns zwischendurch fragt, ob es sein könnte, dass Maurice unter massivem Streß steht.
Maurice & Merlin und Coco & Bijou
Die beiden Jungkater kuscheln.
Bijou kommt dazu, beginnt tief zu knurren.
Die beiden Jungkater rangeln unterm Katzenbaum.
Coco kommt aus der Deckung und pfaucht die beiden auseinander.
Merlin schläft gemütlich auf der Couch.
Coco kommt vorbei und zischt ihm eine.
Die meiste Aggression geht von Coco aus,
mittlerweile zieht allerdings auch Bijou mit.
Wann auch immer die Kater miteinander agieren werden sie von Coco auseinandergetrieben.
Coco treibt im wahrsten Sinne des Wortes einen Keil in unsere Familie.
Tage der Entscheidung
Am 16. Dezember baue ich eine Reihe von kleinen Gummibadeenten im Wohnzimmer auf.
Eine Ente für jeden Tag bis zum festgesetzten Entscheidungsdatum.
Ab dem 16. Dezember bekommen die Russinnen jeweils eine Dosis Zylkene über ihr Frühstück, Feliway Stecker sind im Haus verteilt, zusätzliche Rückzugsorte sind geschaffen.
Die Atmosphäre ist gespannt,
es gibt kaum mehr friedliche Momente. Jede Begegnung mit den Mädels wird mit Pfauchen quittiert, Interaktionen enden oft mit Kratzattacken.
Jeden Morgen nehme ich eine Gummiente weg,
wir halten Familienrat – gibt es Anzeichen von Hoffnung, könnten wir die beiden nicht doch wieder eingliedern?
Wir versuchen die Kater zu schützen,
wir sind besorgt dass das Verhältnis der beiden zueinander unter den permanenten Feindseligkeiten leiden könnte.
Wir schaffen’s nicht bis zum Tag der Entscheidung,
die beiden Katzen haben die Entscheidung ohne uns getroffen.
Sie möchten nicht mit uns leben.
Das neue Zuhause
Es gibt jemanden, der den beiden ein liebevolles Zuhause bieten möchte.
Wir zögern, diskutieren über Wochen hinweg die Nächte durch.
Was, wenn es dort auch nicht klappt?
Unsere beiden Mädels sollen ein stabiles Zuhause haben, nicht abgeschoben werden von einem Platz zum nächsten.
Wir machen es uns nicht leicht, wir lieben die beiden.
Unsere Tierärztin ist für uns da,
sie kennt den neuen Platz,
sie wird sie weiter betreuen,
das neue Zuhause ist stabil,
wir werden wissen dass es ihnen gut geht.
Nach einigen weiteren Zwischenfällen geht alles dann plötzlich sehr schnell.
Wir packen Lieblingsspielsachen, einige Lieblingskeksi, die Dokumente und einen letzten Brief und dann sind wir zu viert.
Die verkleinerte Familie
Zum ersten Mal seit Monaten ist es friedlich.
Wir fühlen uns schuldig, und gleichzeitig sehen wir die beiden Kater das erste Mal ruhig im Wohnzimmer schlafen, tiefenentspannt, nicht permanent unter den Hocker schielend.